Warum das was war, so wichtig ist, für das was ist - oder: Erzählt mir von früher

Erzählt mir von früher -
war eine Floskel, die die mir anerzogene Höflichkeit am Tisch in den schweigenden Raum warf. Nur um die stillen Sekunden des Wechselns von Kuchengabel und Kaffeetasse im Mund nicht unerträglich laut werden zu lassen.
Ja, auch Stille kann laut sein.

Mit 14 -
als ich wusste, dass ich jetzt kein Kind mehr sein konnte, obwohl ich es doch eigentlich noch sein wollte und niemand mir erklärte, wie ich diese neue Rolle der Jugendlichen zu spielen hatte.
- Gesellschaftliche Konventionen fragen nicht, ob man bereit bist. Sie teilen die
  Rollen ohne jegliches Einverständnis zu.

Anfangs muss es wohl eine der schlechtesten Theateraufführungen gewesen sein, die die Welt je zu Gesicht bekommen hat.
- Ich brauche lange, bis mir eine neue Rolle vertraut wird und ich sie zu mögen
   beginne. Und diese Rolle war mir alles andere, als auf den Leib geschneidert.

Mit 14 -
Als ich noch nicht wusste, dass Zeit eine endliche Größe darstellt.
Nur, dass ihr nicht länger meine
Ich darf auf den flimmernden Kasten schauen bis meine Augen viereckig werden“-,
Freie Auswahl in der Spielzeugabteilung“- und
So viel Schokolade essen bis mir schlecht ist“ - Helden bleiben konntet – das wusste ich.
Diese Rollen sind in Fotoalben und Erinnerungen gut archiviert.

Mit 14 -
Als ich irgendwo zwischen den Welten von Klein und Groß verloren gegangen war.
Mich keiner zugehörig fühlte. Mich keiner zuzuordnen wusste und ihr mich auch nicht.
Mein Orientierungssinn hat sich seit dem nur minimal verbessert und ich bin mittlerweile schon 23.
Mein Herz hat den Weg immer noch nicht ganz gefunden. Aber mein Kopf weiß immerhin wo das Ziel des Weges liegt und wie man sich zu verhalten hat, um zu signalisieren, man wäre dort schon angekommen.
In dieser Welt der Großen.
In dieser neuen Rolle.
Die Qualität des Theaterstücks hat sich verbessert und der Wohlfühlfaktor der Rolle auch.
Das hilft mir mich zuzuordnen. Das hilft euch mich zuzuordnen. Das hilft uns.

Erzählt mir von früher -
ist heute, mit 23, eine ehrliche Bitte, die die Neugierde und das nun vorhandene Bewusstsein über die Endlichkeit der Zeit formulieren.
Eine Bitte die Helden meiner Kindheit als Personen kennenzulernen,
ihre Erlebnisse in mir aufzunehmen, um für mein Erlebtes einen Maßstab zu haben,
ihren Blick auf die Welt zu erfahren, der so viel schärfer ist als meiner, weil er nicht nur die Gegenwart erfasst, sondern auch die Vergangenheit mit einbezieht,
ihre Werte zu kennen, um meine eigenen hinterfragen zu können,
mir das Gestern zu erklären, damit ich eine Chance habe, das Heute zu verstehen.

Und wenn ihr euch fragt, welche Rolle ihr in meinem Leben heute, mit 23, spielt:
Ihr seid die Regieassistenten, die dem Theaterstück meines Lebens das Drama nehmen, wenn Drama in den Akten von Außen betrachtet übertrieben unangebracht scheint.
Ihr seid meine Lebensratgeber und meine Vorbilder.





Kommentare

  1. Erzählt mir von früher.. Das hätte ich gerne gesagt, bevor es zu spät war. Am Ende zählen doch immer die Beziehungen zu Menschen und nicht das Materielle. Wir sollten zuhören aus vollem Herzen und Interesse zeigen. Ein super schöner inspirierener Post!
    Liebste Grüße,
    Alina von Selfboost

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    1. Liebe Alina, vielen Dank für deine ehrlichen und berührenden Worte. Manchmal ist es leider die Zeit, die einem lehrt, was im Leben wirklich zählt.
      Liebe Grüße Anne

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  2. So ein schöner und inspirierender Post..14 war bei mir ein Alter in dem sich sooo viel verändert hat und ich irgendwie auch so viel verloren habe.. mittlerweile aber auf eine wunderschöne weise!
    Ich mag die Art wie du schreibst total gerne und du hast mich auf jeden Fall als neue Leserin dazu gewonnen :) Ich freue mich auf alle weiteren Posts von dir!
    Alles Liebe, Lea von http://leachristind.blogspot.com

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    1. Vielen Dank liebe Lea. Ohja 14 war schon ein schwieriges Alter in vielen Belangen! Das du dich auf weitere Posts freust, freut mich wiederum sehr!
      Liebe Grüße Anne

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  3. Hi Anne, ich habe eine Anfrage, kannst du mich anschreiben?

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  4. Du hast diese Zeit des Umbruchs wirklich sehr schön in Worte gefasst. Ich kann mich noch dran erinnern, dass ich das damals auch alles irgendwie verwirrend und seltsam fand. Die Veränderungen (und jetzt nicht eben nur körperlich, worauf sich ja alle immer beziehen) waren komisch. Manchmal beängstigend, manchmal traurig...

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    1. Vielen Dank (: Ja, das ist eine Zeit in der sich auch innerlich viel bewegt!

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